NVO

Natur- und Vogelschutzverein Oberrieden

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Neophyten - Mit Ausdauer gegen Eindringlinge

Kiesgruben sind mehr als nur Wunden in der Landschaft. Sie bieten Lebensraum fur seltene Tiere und Pflanzen. Allerdings lassen sich auch ungebetene Gaste in den Gruben nieder.

Kürzlich hiess es in der Kiesgrube Lyss BE die Pickel fassen. Die Stiftung Landschaft und Kies aus Rubigen rief zu einem Aktionstag auf, um den ungebremst wachsenden Neophyten der Kanadischen Goldrute, der Scheinakazie und dem Sommerflieder den Garaus zu machen. Neophyten, diese in unseren Breiten nicht heimischen Pflanzen, sind zu einer richtigen Plage und zu einer Bedrohung fur verschiedene Arten der ortlichen Flora geworden.

Unübersehbar schiesst die Kanadische Goldrute überall aus dem Boden. Sie ist kein unansehnliches Gewachs, nur steht sie am falschen Ort. Zu Hause ist sie eigentlich jenseits des Atlantiks in Nordamerika, macht sich aber schon seit bald 400 Jahren bei uns breit. Und dies im wahrsten Sinne des Wortes. In Nordamerika gabe es Hunderte von Insekten, welche sich an ihr gutlich tun wurden. Diese fehlen bei uns. So mussen Samuel Bachmann, Bereichsleiter Naturarbeiten bei der Stiftung Landschaft und Kies, und seine Leute ran. Sie reissen oder graben sie aus. Die Frage, ob das kein Kampf gegen Windmuhlen sei, beantwortet Bachmann mit Ja und Nein. In uberschaubaren und nicht stark mit dem unliebsamen Kraut bewachsenen Gebieten ist der «Einzelkampf» aussichtsreich. Um ein erneutes Ausschlagen zu verhindern, ist es wichtig, dass nicht ein einziger Teil der Wurzel im Boden bleibt. Manchmal hilft nur noch «grobes Geschutz», mit einem Trax oder Bagger das Erdreich und die Neophyten abzutragen und zu entsorgen.

Kieswerkbetreiber sorgen heute auch fur neues Leben in stillgelegten Gruben

Als Standort bevorzugt die Goldrute eine lockere Bodenbeschaffenheit, aber auch Gewasserrander und Auenwalder, breitet sich auf Trockenrasen und Brachflachen aus. Oft sieht man sie an Strassenrandern, entlang von Bahnstrecken und in Kiesgruben. Diese sind je langer je mehr nicht nur Wunden in der Landschaft, die aus Geschaftsgier entstanden. Sie gewinnen in unserer verarmenden Kulturlandschaft an Bedeutung, dienen zum Teil als Ersatz fur die ehemals grossflachig vorhandenen Schotterflachen und temporare Wasserstellen der Flussauen. Ausserhalb des Waldes gehoren Kiesgruben zu den wenigen chemie- und dungemittelfreien Zonen und werden dadurch zum Zufluchtsort fur empfindliche, teils vom Aussterben bedrohte Tiere und Pflanzen.

Dieser Verantwortung sind sich heute auch die Kieswerkbetreiber bewusst. Im Kanton Bern bauen zwischen dem Oberland und dem Jura 55 Unternehmen Kies ab. Drei Dutzend von ihnen grundeten zusammen mit anderen Akteuren der Branche (Steinbruch- und Recyclinggewerbe) die Stiftung Landschaft und Kies. Standen zu Beginn vor allem die Renaturierungen nach dem Abbau im Vordergrund, begleitet die Stiftung heute auch die aktive Abbauphase. Dazu sind Fachleute in den Bereichen Naturarbeiten und Umweltbildung angestellt. Die «Naturarbeiter» betreiben unter Leitung von Bachmann den praktischen Naturschutz. Neben solchen Aktionstagen sind sie dafur besorgt, die Betreiber von Kiesgruben und Steinbruchen in ihrem Engagement zugunsten der Natur zu unterstutzen und schulen. Das Grubenpersonal ist das ganze Jahr vor Ort und kann flexibel handeln. So lassen sich auf unkomplizierte Weise Gewasserketten und okologische Kleinstrukturen schaffen, Werkareale und Anpflanzungen gestalten und eben Problempflanzen bekampfen. Auch Exkursionen, Fortbildungen fur Lehrer, Publikationen und Lehrmittel werden von der Stiftung angeboten. In Rubigen gibt es einen Lernort Kiesgrube. Ein Kiesgruben- modell zeigt im Massstab 1:100 eine Musterkiesgrube, in der Kiesabbau, Kiesverarbeitung, Rekultivierung und Renaturierung dargestellt werden.

Text und Bilder: Hans Peter Flückiger 

TIERWELT / 39, 27. SEPTEMBER 2012

Weitere Infos unter www.landschaftundkies.ch.

Kompletter Artikel inkl. Fotos als PDF-Download.