NVO

Natur- und Vogelschutzverein Oberrieden

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Gartenlieblinge können grosse Probleme verursachen

Viele eingeschleppte Pflanzenverdrängen einheimische Gewächse. Trotzdem können solche Neophyten auch heute noch im Gartencenter gekauft werden.

Eigentlich ist es eine jahrhundertelange Erfolgsgeschichte: Seit Kolumbus 1492 die ersten Pflanzen und Samen aus Amerika mitgebracht hat, gibt es Neophyten in Europa. Neophyten sind Pflanzen, die in Gebiete eingeführt werden, in denen sie natürlicherweise nicht vorkommen. So überwinden manche Arten Meere oder Gebirgszüge, die sie ohne menschliche Hilfe niemals überschritten hätten. Scharen von Forschern und Abenteurern haben es Kolumbus über dieJahrhunderte gleichgetan. Ohne sie würden wir heute weder Kartoffeln und Tomaten noch viele Zierpflanzen kennen.

Problematisch wird das Ganze, wenn manche dieser bei uns nicht heimischen Pflanzen verwildern und sich als invasiv erweisen. Dann verbreiten sie sich so aggressiv, dass sie heimische Pflanzen grossflächig verdrängen können. Pro Natura hat nach einer Umfrage unter zuständigen Stellen errechnet, dass jährlich 53 Millionen Franken notwendig wären, um die Neophyten dort zu bekämpfen, wo sie problematisch sind.

Es sind nur Arten verboten, die nicht von wirtschaftlichem Interesse sind
Während aber die Behörden invasive Neophyten mit aller Macht und mit hohen Kosten in der freien Natur bekämpfen, kann man viele dieser Pflanzen im Gartencenter kaufen. «Alle Arten auf der Schwarzen Liste sind per definitionem invasiv. Dazu kommt eine Reihe Pflanzen, die nur auf der Watch List stehen, weil sie sich bereits im umliegenden Ausland invasiv verhalten», erklärt Wolfgang Bischoff, Projektleiter Biodiversität bei Pro Natura. «Verboten sind nur Arten, die nicht von wirtschaftlichem Interesse sind. Alle anderen sind legal im Handel erhältlich.»

Schuld daran ist die «Freisetzungsverordnung » (FrsV). Sie bildet die gesetzliche Grundlage und bestimmt, mit welchen invasiven Organismen jeglicher Umgang verboten ist. Sie gibt auch vor, dass die Verkäufer jeglicher als invasiv geltender Arten eine Informationspflicht gegenüber dem Kunden haben. «Gesetzlich wären die Gärtner also verpflichtet, ihre Kunden auf das invasive Verhalten der Pflanzen aufmerksam zu machen und ihnen anzuraten, sie im Garten genau zu überwachen. Die wenigsten Gartencenter kommen ihrer Beratungspflicht nach», bemängelt Bischoff. Wenn die Kunden Bescheid wissen, kaufen sie nicht.

So kommt es, dass auf der «Schwarzen Liste», die Gemeinden und Kantone als Grundlage für ihre kostspieligen Bekämpfungsaktionen nutzen, viel mehr Pflanzen stehen als auf der Liste der «verbotenen invasiven gebietsfremden Organismen» der FrsV.

Die Kantone nehmen ihre Kontrollfunktion zu wenig wahr
Stichproben in Gartencentern des Kantons Freiburg durch die kantonale Pro-Natura-Sektion haben ergeben, dass sogar invasive Arten, deren Verkauf bereits seit 2008 verboten wäre, immer noch in den Regalen stehen. «Die Kantone nehmen ihre Kontrollfunktionen beim Verkauf von verbotenen invasiven Pflanzenarten eindeutig zu wenig wahr», sagt Bischoff. Nichts ahnende Gartenliebhaber kaufen noch immer den hübsch lila blühenden Sommerflieder, weil er die Schmetterlinge anzieht. Die Raupen dagegen finden auf den Blättern keine Nahrung. Gerät er aber über Samen oder nicht fachgerecht entsorgtes Schnittgut in «Freiheit», verbreitet er sich rasant.

«Theoretisch könnte es genügen, wenn Gartenbesitzer die abgeblühten Blütenstände abschneiden würden. Praktisch ist das aber fast unmöglich», sagt Sibyl Rometsch von Infoflora, die auch für die Schwarze Liste und die «Watch List» zuständig ist. «Deshalb ist zum Beispiel in Genf im Naturschutzgebiet der Allondon die Auenlandschaft vom Sommerflieder zugewachsen.» Da dort keine Maschinen eingesetzt werden konnten, musste man die Wurzelstöcke mit hohem Aufwand und der Hilfe von Pferden ausreissen.

Kirschlorbeerhecken sind ebenfalls beliebt, da pflegeleicht und blickdicht, aber auch diese Büsche erweisen sich in der freien Natur als invasiv. «Eine absurde Situation. In der Deutschschweiz wird der Kirschlorbeer mit kostspieligen Bekämpfungen aus den Wäldern entfernt, während im Gartencenter einige Meter entfernt dieser Strauch noch angeboten wird», sagt Bischoff. «In solchen Situation sollte man sich überlegen, die Bekämpfungen einfach sein zu lassen.»

In den Gärten weit verbreitet sind auch die auf der «Schwarzen Liste der invasiven Neophyten aufgeführten Pflanzenarten Sommerflieder, Robinie («falsche Akazie») und die aus Nordamerika stammenden Goldrutenarten. Sie halten sich nicht an Gartenzäune. Durch Wind, Wasser und Vögel sowie das illegale Ablagern von Gartenabfällen in der freien Natur haben sich diese Pflanzen insbesondere entlang von Gewässern und Verkehrswegen und im Wald ausgebreitet. Sie sind eine Bedrohung für die ursprüngliche Pflanzen- und Tiervielfalt.

Viele lassen sich heute nicht mehr ganz ausmerzen
Wer invasive Neophyten im Garten hat, muss unbedingt einige Verhaltensregeln beachten, um nicht ungewollt zu ihrer Verbreitung beizutragen. Austriebsfähiges Schnittgut gehört in professionell geführte Kompostier- oder Vergärungsanlagen, keinesfalls in den Gartenkompost oder in den Wald. Blütenstände sollten vor der Samenreife entfernt werden, da sie nicht nur aussamen, sondern auch von Tieren wie Vögeln verbreitet werden können.

Ableger, Schösslinge und Jungpflanzen muss man regelmässig ausreissen und fachgerecht entsorgen. Bodenaushub darf nur am Entnahmeort verwendet werden. Maschinen und Werkzeuge sollte man nach Verschieben von Erde, die austriebfähige Pflanzenteile enthält, gründlich reinigen. «Es ist heute nicht mehr möglich, alle invasiven Neophyten an allen Standorten in der Schweiz auszurotten. Aber die Gartenbesitzer können einen wichtigen Beitrag dazu leisten, dass sich die Arten nicht ungewollt noch weiter ausbreiten», sagt Sibyl Rometsch.

Alexandra von Ascheraden

Pflanzen, die sich invasiv verhalten

Vielblättrige Lupine (Lupinus polyphyllus)
Vermehrung über unterirdische Ausläufer und unzählige, langlebige Samen, die von der Pflanze explosionsartig ausgeschleudert werden. Bildet mittels Ausläufern und Samen rasch dichte Bestände. Samen und Blätter sind giftig für Tiere. Kein Erdmaterial mit unterirdischen Ausläufern verbreiten. Durch Mähen vor der Samenbildung können die Lupinen zurückgedrängt werden.

Mahonie (Mahonia aquifolium / Berberis aquifolium / Mahonia x wagneri)
Die Samen werden von Tieren über grössere Distanzen ausgebreitet. Dazu kommen unterirdische Ausläufer. Abgeschnittene Sträucher treiben ständig wieder neu aus. Fruchtstände und Jungtriebe regelmässig entfernen.

Sommerflieder, Schmetterlingsstrauch (Buddleja davidii / Buddleja variabilis)
Besiedelt Pionierstandorte und bildet dichte Bestände. Im Wald wird die Naturverjüngung verhindert; hohes Ausbreitungspotenzial. Der Nektar bietet zwar Schmetterlingen Nahrung, die Raupen können aber die Blätter nicht fressen.

Götterbaum (Ailanthus altissima / Ailanthusglandulosa)
Gefällte Bäume bilden starke Stock- und Wurzelausschläge. Rinde und Blätter können allergische Hautreizungen hervorrufen. Der Baum verbreitet sich durch unterirdische Ausläufer und Windausbreitung und bildet dichte Bestände. Man sollte die Blütenstände vor der Samenreife abschneiden, was aber bei den bis zu 30 Meter hohen Bäumen kaum möglich ist. Deshalb am besten Stockausschläge regelmässig abschneiden oder den Baum ganz fällen. Keinesfalls neu anpflanzen.

Runzelblättriger Schneeball (Viburnum rhytidophyllum)
Die Samen werden von Vögeln über weite Distanzen verschleppt. Breitet sich durch Schösslinge aus und wächst schnell. Als immergrüner Strauch behindert er das Aufkommen anderer Arten. Blütenstände vor der Fruchtbildung abschneiden und im Kehricht entsorgen.

Seidiger Hornstrauch, Weisser Hartriegel (Cornus sericea / Cornus stolonifera / Cornus baileyi)
Die Samen werden vor allem durch Tiere über grössere Distanzen ausgebreitet. Dazu kommen Ausläufer. Abgeschnittene Sträucher treiben ständig neu aus. Jungtriebe regelmässig ausreissen. Ausgerissenes Pflanzenmaterial in den Kehricht geben, da es wieder austreibt.

TIERWELT / 39, 27. SEPTEMBER 2012

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